Regenbogenfarben


Mama sein auf besondere Art und Weise

Ich bin Mama. Von ganzem Herzen und mit so viel Herzblut, wie die meisten Mamas auf der Welt.

Wenn ich an das Gefühl denke, wie ich meinen wunderschönen Sohn im Arm gehalten habe kurz nach der Geburt, geht mein Herz auf vor Liebe. Dieses Gefühl ist so einmalig. Sein eigen Fleisch und Blut das erste Mal in seinem Leben auf dem Arm zu halten. Wenn man die kleinen Fingerchen in seinen Händen hält. Die Gesichtszüge nachfährt mit einem Finger. Dieser zärtliche Flaum, der das Gesicht umgibt. Diese zarten Lippen und winzig kleinen Öhrchen, die man nicht offensichtlich erblickt. Diese wunderschönen, kleinen Füßchen. Wir haben nachgezählt, es war alles dran. Alles perfekt.

Ja, ich bin Mama. Mama von einem Sternenkind… Die Augenfarbe unseres Schatzes habe ich nie erblickt. Seine liebliche Stimme nie gehört. Nie einen Schrei gehört, der mein Herz erblühen lässt. Der den Mutterinstinkt noch verstärkt. Ich hielt unseren Sohn auf dem Arm, doch seine Seele war schon von uns gegangen. 

Mein Herz. In Millionen Teile zersprungen. Und es fühlt sich auch nach Wochen nicht an, als würde es je wieder so werden, wie es einmal war. Nichts von alledem. Dieses Gefühl von Glück, ihn gehabt zu haben, ist leider kaum spürbar.

Es überwiegt immer noch diese endlose Trauer, die böse Wut, die immer wieder die Oberfläche ankratzt, die Schuld, die es vielleicht gar nicht gibt und doch immer wieder anklopft bei mir. Die meine Gedanken verrückt werden lässt.

Was wäre wenn… Drei so kleine Worte. Die einen in vielen Situationen um den Verstand bringen können und es so oft tun. Sie schleichen sich immer wieder ein. Egal bei wieviel Verstands- und Realitätsdenken. Sie werden mich seit der Geburt meines Sohnes für immer begleiten. Ob ich es will oder nicht. Dies alles ist ein Teil von mir geworden – für immer.


Tiefschlagende Veränderungen im Leben

Doch eigentlich begann alles ganz anders…

Manchmal triffst du Entscheidungen im Leben und manchmal treffen die Entscheidungen dich.

Mein Papa ist gestorben. Ganz plötzlich ließ er mich alleine. Nicht nur mich. Auch meine große Schwester mit Familie, meine an Multiple Sklerose erkrankte Mutti und mich. Doch damals fühlte es sich für mich so an, als hätte mein Papa nur mich im Stich gelassen. 

Alles brach zusammen. Doch ich wurde ganz schnell stark. Ich hatte sehr viel zu klären. Ich musste seine Verantwortung übernehmen. Schnell war klar, dass Mama nicht alleine wohnen bleiben konnte, aufgrund vieler Einschränkungen. Also suchten mein damaliger, langjähriger Partner und ich ein Pflegeheim, welches auch „betreutes Wohnen“ anbot. In dieser schweren Zeit waren alle Hindernisse mit meinem Partner in den letzten Jahren irgendwie vergessen. Plötzlich war er doch da für mich, nahm mich wahr. 

Wir gingen also zu einem Termin in einer Seniorenwohnanlage zum Anschauen eines Appartments. Mama war zu der Zeit in Berlin bei ihrer Schwester, während ich mit Hilfe meiner Schwester die Wohnung auflöste und mich selbst um alles kümmerte.

Wer hätte je gedacht, dass ich einmal so stark und verantwortungsbewusst werden konnte nach all meinen Alkohol- und Drogenproblemen, damals mit unter 20 Jahren. Doch vieles kann sich ändern, wenn man es nur will.


 Dieser Augenblick

So gingen mein Exfreund und ich händchenhaltend (dies kam so gut wie nie vor) in die Hofeinfahrt der Anlage.
Und plötzlich sah ich jemanden raus kommen. Es durchzuckte meinen ganzen Körper wie noch nie zuvor in meinem Leben. Mir wurde plötzlich ganz kalt und heiß gleichzeitig. Diese Wahnsinnsaugen. Sie funkelten mich so sehr an, dass es mich tief ins Herz traf. 
Gab es das wirklich? Wovon immer alle sprachen? „Liebe auf den ersten Blick“!? Ich hatte so etwas noch nie geglaubt. Wahrscheinlich, weil ich es noch nie erleben durfte. Doch dieser eine Augenblick – und meine Welt drehte sich auf Knopfdruck anders. 
All meinen strengen und fast schon „krankhaften“ Treue-Prinzipien entgegen, drehte sich mein Kopf ganz langsam und fast unmerklich um, als diese Person an mir vorbei ging. Und so trafen sich unsere Blicke erneut, da sich auch diese Person zu mir umdrehte. Es war nur ein Bruchteil einer Sekunde, zweimal kurz hintereinander. Und doch traf es mich wie ein Blitz und kam mir endlos vor. 
Doch wie konnte das möglich sein?? Wie konnte SIE mir den Kopf verdrehen? Gar nicht möglich, dachte ich.
Wenige Wochen später, ich verdrängte die Gedanken an diesen wundervollen Moment, kümmerte ich mich um den Umzug meiner Mama in dieses Heim. Ich traf diese Frau in der Zwischenzeit nicht wieder. Monate später stellte sich heraus, dass sie sich nicht raus traute, wenn ich da war. So ging sie einfach nicht zum Rauchen, sobald sie meinen Umzugstransporter sah.
Mein Exfreund wurde zu dieser Zeit sehr anhänglich und auf einmal so, wie ich es mir die ganzen Jahre zuvor sehnlichst gewünscht hatte. Hatte er im Gegensatz zu mir gemerkt, dass meine Gefühlswelt Kopf stand? 
Er hörte zwar nicht auf wie ich, jedoch wurde es weniger mit Drogen und Alkohol. Ich war plötzlich so stark und stand wieder mit beiden Beinen im Leben. Standfest. Papas Tod hatte mir zuerst den Boden unter den Füßen weggerissen. Doch irgendwie musste ich auch plötzlich stark sein für alle. Weil er es nicht mehr sein konnte.


Ein Lebensabschnitt, der alles auf den Kopf stellt.

Die Heimleiterin mochte meine harmonische, offene und sensible Art. Warum auch immer, doch sie wollte mich unbedingt als Kraft haben. Sie bot mir einen Job in der Pflege an. Und ich suchte eine neue Herausforderung. Also perfekt. Sie bekam mich und ich bekam eine neue Chance Menschen zu helfen.

Mein erster Tag machte mich bereits schon vor Dienstbeginn wahnsinnig. Nicht nur dass wir selber auch in dieses Dorf umgezogen und im Umzugsstress waren, nein auch weil ich erfahren hatte, wer meine Stationsleitung war. SIE. Es gab vier Stationen in diesem Haus. Schicksal?

Plötzlich stand sie vor mir. Melanie. Doch sie wirkte so anders, so verschlossen, kühl und desinteressiert. Alles wirkte so sehr fachlich und kalt. Eine ganze Zeit später stellte sich heraus, dass sie vom ersten Augenblick an Gefühle für mich hatte und diese nur verbergen wollte. Sie wollte mir nicht wehtun, wollte mein Leben nicht „zerstören“ und durcheinander bringen.

Ich wurde von ihr kurz angeleitet und dann in das kalte Wasser geworfen. Einen kurzen Augenblick dachte ich ans Aufgeben. Doch wie oft hatte ich das in meinem doch relativ kurzen Leben schon getan. Und wie oft hatte ich es bereut. Also kämpfte ich mich durch. Ich sprach die nächsten Wochen sehr oft mit meiner Mama, hatte auch noch viel zu erledigen in ihrer Wohnung. Zudem wohnen wir nur drei Minuten Fußweg von dem Heim entfernt. So ergaben sich viele Treffen mit Mama, obwohl ich immer durch und durch ein „Papa-Kind“ war. Mama ist sehr feinfühlig. Sie lernte Melanie bereits schon am ersten Tag kennen. Und wie sich herausstellte, war Melanie viel und oft für meine Mama da. Ohne dass ich es merkte, fing Melanie sie immer wieder auf, wenn ich es nicht konnte. Wenn ich nicht da war…

Mama spürte eine Bindung zwischen Melanie und mir, die ich mir selbst nicht eingestehen wollte. Oft sagte sie, man spüre, wie glücklich ich von innen heraus bin, wenn ich Melanie sehe oder über sie spreche. Und das sich dies so ehrlich anfühlt.

Mama mochte meinen damaligen Freund sehr, gab ihm immer wieder Chancen. Jedoch wusste sie auch nichts von den „handgreiflichen“ und vielen schlimmen Momenten, die ich all die Jahre zuvor durchleben musste. Doch jeder ist mal jung und dumm. Ich erzählte es wenn dann nur meinen Papa und das auch nicht mal ansatzweise so ausführlich.

Mama liebte ebenso „Sr. Melanie“. Melanie war einfach für sie da, wenn ich es mal nicht sein konnte. Sie half ihr, wo es nur ging. Redete mit ihr, verstand sich super. Trocknete die Tränen meiner Mutti.
Ich hatte tagsüber beiläufig im Dienst gegenüber Melanie erwähnt, dass mein Freund und ich eine ganz kleine Einweihungsfeier für unsere neue Wohnung heute Abend schmeißen würden und dass sie ja auch kommen könnte. Doch wir einigten uns eigentlich darauf, dass sie nicht kommen würde.

Doch meine Mama ist sehr eigensinnig. So lud sie „Schwester Melanie“ auch zu unserer kleinen Einweihungsparty nach Hause ein. Und meine Mutti holte Sr. Melanie von ihrem Spätdienst ab, um gemeinsam zu uns zu kommen. Ich wusste es mittlerweile, dass sie auch kommen würde und trank mir eine Menge Mut an, bevor sie überhaupt da sein konnte. Ich war so nervös. Warum eigentlich? Ich war doch fest vergeben seit Jahren. Und sie war eine Frau!

Doch all meine Gefühle flogen davon in bunten Luftballons – dem Regenbogen entgegen.


Wie man jemanden zum Schweigen bringt

Da saß sie. Gegenüber von mir. Wollte bald wieder heim, bloß nichts trinken. Ich schrieb per Handy mit ihr und fragte sie, warum sie denn nicht hier bleiben wollte, bekam jedoch immer nur knappe Antworten. Er sagte ihr immer wieder, sie soll doch endlich mal locker werden und hier schlafen bei uns. Irgendwann tat sie es, nahm ein Glas Whisky Cola und stieß mit uns allen an. 

Sie sagte Monate später, es war mein Blick, der sie zum dableiben überredete. Ich kann es nicht abstreiten, aber auch nicht bejahen. Manchmal tut ein Unterbewusstsein das, was es tun muss. Scheinbar. Und sie sagte, sie hatte „Angst“, weil sie merkte, was passieren könnte. Und dass es nicht ihre Art sei, sich in Beziehungen einzumischen.

Er sagte jedoch immer wieder, sie solle bleiben. Umso später die Stunde, desto mehr Alkohol hatte ich in mir. Nach längerer Abstinenz war das sehr aufreibend für meine Gefühle. Ich zeigte Melanie das Bad, weil sie auf das WC wollte. Ich redete und redete, während ich kaum Luft holte. Scheinbar war ich wirklich sehr aufgekratzt und nervös. Und plötzlich küsste sie mich. Weil ich nicht aufhörte zu reden, sagte sie im Nachhinein, und weil sie mich unwiderstehlich fand.

Sie. Eine Frau. Küsste mich. Baaaaaam.
Genauso fühlte es sich also an, wenn ein Schwarm von Schmetterlingen Saltos fliegt in einem drin. Mein ganzer Körper war starr vor Gänsehaut, mir wurde kochend heiß. Diese weichen Lippen auf meinen. Ihre Hand, die mein Gesicht hielt. Diese Zärtlichkeit und Hingabe, die sie in diesen einen Kuss legte. 

Was würde sie dann nur für Gefühle auslösen für einen Menschen, den sie wirklich liebt und den Alltag mit ihm verbringt. Meine Welt schien in diesem Augenblick so kunterbunt. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg vor Glücksgefühl. Ein Kuss. Und er berührte mich mehr als Jahre in einer Beziehung zuvor. Irgendwie traurig. Doch auch wahr. Wahr für mein Leben. Diese Frau. Das fühlte sich so richtig an. Das fühlte sich nach LEBEN an. Ja. Ich fühlte mich so lebendig wie nie zuvor. Meine Welt erstrahlte in Regenbogenfarben – so passend. Frau und Frau. So schnell kann es gehen, wenn zwei Puzzleteile zusammenpassen…

Als später alle Gäste gingen, waren er, sie und ich noch da. Er wurde wie so oft zum größten Arsch der Welt. Wurde leicht handgreiflich und verbal extrem ausfallend, während sie vor der Wohnzimmertür unseren Hund im Körbchen streichelte. Ihm war es sowas von egal, dass dort im Flur noch meine Chefin war. 

Nach langem Diskutieren ging er ins Bett. Zu sehr widersprechen wollte ich nicht, ich wollte ihn nicht noch mehr provozieren. Ich ging ihm nach. Da lag er nun und dieser Anblick machte mich todunglücklich. Er schlief tief und fest. 

Kurz danach ging ich ins Wohnzimmer. Zu ihr. Ich war so aufgewühlt. Wusste nicht, wohin mit mir. Ich habe in meinem Leben so sehr auf Treue gesetzt. Mochte es nicht einmal, jemandem hinterher zu schauen. Und dann das. Mein Herz bebte, nur wenn ich sie ansah, ganz zu schweigen davon, wenn ihre Hände mich berührten. Gibt es Gefühle, die man niemandem zeigen darf? Nicht zeigen sollte? Nicht zulassen darf? Sollte man dies verstecken und sich den Rest des Lebens verstellen? Sicher. Das Leben wäre weiter gegangen. Sicher hätte es auch glückliche Tage gegeben. Aber ich hätte die besten Jahre meines Lebens verpasst. Warum sollte man auf tägliches Glück verzichten, nur weil es nicht so gesellschaftsfähig ist!? 

Frau und Frau. Mann und Mann. Es war nie verkehrt in meinen Augen. Für andere. Ich war nie dagegen. Jedoch auch nicht wirklich offen dafür. Ich ließ die Menschen so leben, wie sie es wollten. Doch merkte ich nie, dass Menschen in kleineren Gruppen vielleicht auch etwas Weitsicht und Unterstützung brauchten. Im Endeffekt war die Welt für mich schwarz/weiss. Regenbogenfarben gab es für mich nur am Himmel. Rein physikalisch. Punkt.

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