Regenbogenfarben


Mut und Eingeständnisse

Es dauerte nicht sehr lange, da hielt ich es nicht mehr aus. Dieses „Doppelleben“. Das war nicht fair. Es machte mich innerlich kaputt, wo ich doch eigentlich so glücklich war. Ich wartete nur darauf, dass er sich mal wieder etwas „abschießt“. Aus Angst vor seiner Reaktion. Ich wusste, dann wäre er etwas „gelähmter“. 

Es kam d i e s e r Tag, er saß auf unserer Couch nach meinem Dienstschluss und war wirklich „platt“. Nach großer Überwindung – ich hatte ja dennoch auch Gefühle für ihn – trennte ich mich von ihm, erzählte ihm alles. Meine Gefühle, die ihr gegenüber einfach viel stärker und mächtiger erschienen. Über den Kuss. Über meine Liebe zu ihr. Er verstand es natürlich nicht. Monatelang verstand er es nicht. 

Er machte uns das Leben zur Hölle. Trieb mich in den Wahnsinn. Versetzte mir Schuldgefühle. Erfand den Tod seiner Mutter, die ich doch so sehr liebte, nur dass ich zu ihm kam. Damit er es immer wieder versuchen konnte. Selbst beim Handynummernwechsel fand er sie wieder heraus. Verfolgte mich. Ich zerbrach innerlich so oft.

Doch Melanie war so stark. So stark für uns beide. Wir schafften diese Zeit. Wir lebten zusammen. Ich zog bei ihr ein – von heute auf morgen. Es musste einfach schnell gehen bei ihm raus zu kommen. Sie war so ein großer Halt für mich, fing mich immer wieder auf. Hielt zu mir, egal was er sagte oder tat. Sie war mein Regenbogen am Himmel, sie legte meine Welt in Farben.


Blicke, weil man anders ist

Plötzlich waren sie da. Diese Blicke. Mir war vom ersten Moment meiner Entscheidung an klar, dass ich mich nicht verstecken wollte. Nie und vor niemanden. Ich wollte ganz offen damit umgehen. Auch wenn mir bewusst war, dass wir anecken würden. Dass es Menschen gibt, die eben nicht tolerant sind.

Für Melanie war dies einfach. Sie kannte nichts anderes. Für sie war es seit ihrer Jugend ganz normal, Frauen zu lieben. So taten wir das, was Frau und Mann auch taten. Wir versteckten uns nicht vor der Welt. Wir gingen händchenhaltend durch die Stadt. Beim Einkaufen gab ich ihr einen Kuss, immer dann, wenn mir danach war. Oder aber auch dann, wenn uns entsetzte Blicke trafen. Dann manchmal sogar erst recht. Oder eben im Kino. Es guckten sicherlich die einen oder anderen Menschen etwas schief – aber es war und ist uns egal. Liebe muss man nicht verstecken!

Anfangs fiel es mir manchmal noch schwer. Mir fielen diese Blicke ständig auf. Egal wo. Egal wann. Ich konnte ihre Gedanken in ihrem Blick sehen. Fast schon spüren. Wie konnte man nur als Frau eine Frau küssen. Sowas ist doch gegen die Vernunft. Gegen Gott. Gegen die Regierung. Gegen die Welt. Sowas ist doch unmenschlich und unnatürlich. Keiner von den Außenstehenden kann verstehen, dass es sich wie das normalste der Welt anfühlt. Ganz ehrlich. Man liebt einen Menschen nicht anhand des Geschlechtes oder des Aussehens. Sondern anhand von Gefühlen.

Ja, Melanie ist eine Frau. Doch nie zuvor hat mich ein Mensch so vollendet und glücklich gemacht. Wenn es sich sowas von echt anfühlt, warum sollte es dann falsch sein?


Herzensbruch

Ich hatte damals eine allerbeste Freundin. Ich sage bewusst „damals“. Sie riet mir, ich solle doch realistisch sein. Wissen, dass es nicht normal ist. Was denken dann nur all die anderen von mir? Und was soll das dann werden?

Natürlich, wo geht man auch sonst hin, wenn seine Gefühle Achterbahn fahren? Zu seiner besten Freundin. Ich war selbst wie überfahren. Hatte ich doch so etwas noch nie gefühlt. Und dann sind diese fundamentalen Gefühle auf einmal so präsent. Und dann für eine Frau.

Doch alles was sie konnte, war es mir schlecht zu reden. Weil sie es nicht verstehen konnte. Unverständnis zu begegnen gehört zum Leben dazu. Doch von seiner besten Freundin, mit der man so unendlich viele Jahre durch dick und dünn gegangen ist, da erwartet man zumindest etwas Entgegenkommen. Einen Versuch, es zu verstehen. Doch nein.

Es ginge doch schon alleine deshalb nicht, weil mein Lebenstraum eine Familie ist. Ein Kind, oder sogar zwei, zu haben. Das alles wäre doch kaum möglich und so unendlich schwer zu schaffen. Und diese Blicke aller Menschen auf der Welt. Wir würden doch immer wieder anecken in der Gesellschaft. Verstecken müsst ihr euch dann ständig. Ja. Ein paar der Worte meiner allerbesten Freundin. Mit ihr ging ich jahrelang teils durch die Hölle. Sie küsste ich sogar, um eklige Männer im Pub zu verjagen. Das war ja auch nur „Show“ und deshalb nicht schlimm, sagte sie später. Sie war immer für mich da. Ich war immer für sie da. Wir sahen uns mindestens 4x die Woche, trotz 40 km einfacher Fahrtstrecke. Wir waren eins. In allem. Mein Papa dachte jahrelang, da würde was laufen. 

Diese Worte aus ihrem Mund haben mir ein Stück Glauben an die Welt genommen. Sie war so ein offener und toleranter Mensch. Eigentlich. Heute denke ich oft, dass es Eifersucht auf eine verdrehte Art und Weise war. Solange ich in meinen verkorksten Beziehungen lebte, hatte ich mir viel Freiraum in den Beziehungen gewünscht und auch genommen. War ich glücklich mit Melanie, wollte ich ganz viel Zeit mit ihr verbringen. Nahm mir natürlich auch Zeit für meine beste Freundin, aber eben nicht mehr mindestens 4x die Woche. Weil DAS unrealistisch wäre. Nicht die Beziehung zu Melanie.

Die beste Freundin. Auch Jahre später denke ich noch sehr viel an sie. Habe vor ca. einem Jahr auch versucht wieder Kontakt zu ihr zu finden. Drei Treffen fanden statt. Viel mehr jedoch nicht. Es zerbrach in dem Augenblick, als sie spürte, wie glücklich ich mit einer anderen Frau als ihr sein konnte. Auf eine noch intensivere Art als wie mit ihr.


 Unendlich intensive Liebe

Zwei ernst gemeinte Heiratsanträge in jahrelangen festen Beziehungen habe ich abgelehnt. Weil ich einfach nicht heiraten wollte. Oder weil es jeweils ein Mann war? Oder wahrscheinlich, weil es sich einfach nicht richtig angefühlt hatte? Wer weiß.

Melanie fragte mich nach ca. 12 Wochen. Vor vielen Menschen auf der Kirchweih in der Gemeinde, wo ich meine Jugend verbrachte. Ich sagte JA. Ohne nachzudenken. Weil es sich richtig anfühlte. Weil es richtig war! Knapp 1 Jahr später heiratete ich diese wundervolle Frau. Es war so ein intensiver Tag. Und es war ein doch recht langer Weg dorthin. Doch möchte ich keine einzelne Sekunde davon missen. Es gehörte alles dazu, um so perfekt zu werden, wie es zwischen uns ist. Es ist so echt. Es ist Leben. Es ist bunt. Es ist Liebe. Es ist richtig, genau so, wie es ist.

Meine Familie hielt vom ersten Augenblick an zu mir. Oder besser gesagt zu ihr. Alle sagten, ich sei so glücklich, lebensfroh und offen. Ganz anders als all die Jahre zuvor. Man merke mir das Glück an. Ganz tief von innen heraus. So sagten sie. Dazu kommt, dass Melanie ein sehr offener und liebenswerter Mensch ist. In all den Jahren habe ich keinen einzigen Menschen kennen gelernt, der sie nicht auf Anhieb mochte. Ich bin ja ganz der Meinung, dass das ihr Augen Klim Bim ausmacht. Damit ziehe ich sie immer auf. Diese wundervolle Frau. Dieser wundervolle Augenaufschlag. Dieses intensive Leuchten in ihren wunderschönen grün-blauen Augen. Das machte mich vom ersten Augenblick an schwach. Diese kleine Frau. Nach außen hin eher männlich und so stark. Innen drinnen ganz zart und weich. Wie kann man so einen Menschen nicht lieben!? Ich kann es nicht. Sie nicht lieben. Und ich habe ganz tief in mir dieses Gefühl, dass es für immer sein wird. Egal was auch kommen mag. 

Man eckt natürlich an. Man geht zum Standesamt und wird schräg angeschaut. „Wo ist denn ihr Verlobter?“ Selbst einfache Anträge. Wie oft sucht man vergebens die Zeile für „eingetragene Lebenspartnerschaft“? Hm, also aufstehen, zum Tresen gehen und nachfragen. Irgendwann haben wir es einfach immer mit dazu geschrieben, ohne nachzufragen. 

All diese kleinen Dinge zeigen einem jedoch immer wieder, dass es noch nicht „normal“ ist, sein eigenes Geschlecht zu lieben. Doch wie gesagt, in meinem Fall zumindest, wurde es nicht am Geschlecht ausgemacht. Die Entscheidung fiel auf Melanie, aufgrund ihres Wesens. Ihrer Ausstrahlung. Ihrer inneren Werte. Aufgrund meiner tiefen und echten Gefühle zu ihr. Wenn sie ein Mann wäre? Dann wäre ich wohl jetzt mit einem Mann verheiratet. 

Ja, wir haben unseren Sohn verloren. Und ja, ich bin so zerbrochen daran. Bin es immer noch. Werde es wahrscheinlich noch sehr lange sein. Sie ist die Starke. Sie hat zwei Tage lang geweint. Doch hat es dann „abgestriffen“ und tief im Inneren versteckt. Sie trauert. Sie liebt Finn. Tief im Herzen. 

Doch sie liebt auch mich. Sie möchte stark sein für mich. So ein wundervoller Mensch! Das Beste, was mir in meinem ach noch so traurigen Leben passieren konnte. Sie bemitleidet mich nicht. Sowas will ich gar nicht! So ein Mensch bin ich nicht, ich brauche kein Mitleid oder falsche Gefühle. Doch sie versucht zu verstehen. Ist an meiner Seite. Arbeitet immer wieder alles mit mir auf. 

Ich kann ihr einfach alles sagen. Sei es der Selbstmord meines Freundes damals. Seien es die gewaltvollen/verkorksten Beziehungen in meinem Leben. Meine eigenen Selbstmordversuche in früheren Zeiten. Mein jahrelanges Ritzen, um nicht mehr DIESEN Schmerz zu fühlen, sondern die Schmerzen des Ritzens. Die schweren Verluste in meinem Leben. Die Traurigkeit in meinem Leben. Die so verdammt schweren Fehler in meinem Leben. Meine kleine „kriminelle“, „drogensüchtige“ Vergangenheit. All das. Sie lächelt es weg und nimmt es gleichzeitig ernst. 

SIE ist es, die einen besseren Menschen aus mir gemacht hat. Sie ist meine neue Droge, in Regenbogenfarben. Und plötzlich brauchte ich damals keine Therapien mehr. Keine Antidepressiva mehr. Ich hatte sie. Ich merkte es erst gar nicht. Es schlich sich einfach so ein, dass es mir gut ging. Jeden Tag. Natürlich gibt es auch schwere Momente. Doch sie kommen mir weniger schwer vor, weil ich wahrscheinlich tief im Inneren weiß, dass ich sie habe. Dass sie auch immer bei mir bleiben wird, egal was ich durchmache. Denn gemeinsam schaffen wir es. Ich bin für sie da. Sie ist für mich da. So sollte es doch sein in einer Ehe, oder nicht? 

Sollte ich noch einmal erwähnen, dass sie aber eine Frau ist? Eine Frau für eine Frau? Oder spielt das doch keine so große Rolle??
Weil es echt ist!


Traurige Vorurteile

Ist es wirklich so falsch für Menschen, dass sie eine Frau für eine Frau ist? Dass eine Frau eine Frau auffängt und so glücklich macht? Was genau soll an so einer perfekten Bindung bitte falsch sein? Weil es Adam und Eva gab und nicht Adam und Adam oder Eva und Eva? Wie einst geschrieben, „liebet einander“. Nicht: „liebe Frau einen Mann“ und „liebe Mann eine Frau“. Sondern „liebet einander“. Was zur Hölle soll an so einer reinen Liebe falsch sein? Es mag verrückt klingen. Aber für uns sind Beziehungen zwischen Mann und Frau doch auch nicht abstoßend.

Es gab Menschen in unserem Leben, die wir natürlich erst kennengelernt haben. Zusammen als Paar. Natürlich kommt es dann irgendwann dazu, dass man sich gegenseitig mal nach Hause einlädt.
Ich musste so oft schmunzeln. Wir zeigten natürlich gerne unsere gemeinsame Wohnung. Wir waren stolz auf unser Reich. Auf unser Haus. Am Küchentisch steht eine Vase mit Tulpen. An der Wand hängen so „normale“ Bilder/Fotos. Im Wohnzimmer gibt es tatsächlich eine Couch, eine Schrankwand und einen Couchtisch. Und das Schlafzimmer erst. Tatsächlich ein ganz normales Boxspringbett, ein Sideboard und ein TV. Auch hier ganz normale Bilder, die zwei liebende Menschen zeigen. Alles wie bei „normalen Menschen“. All diese Gedanken strahlten diese Menschen aus, die das erste Mal unsere Wohnung betraten und zuvor noch nie gleichgeschlechtliche Paare kannten. Sowas aber auch. Sollte ein Leben von zwei Frauen wirklich kaum anders sein als zwischen Mann und Frau!?

Manchmal dachte ich, sogar Enttäuschung in den Blicken gesehen zu haben. Meistens aber eher Erleichterung. Ich hab keine Ahnung, was diese Menschen glaubten, bei uns zu finden. Ich weiß es wirklich nicht. Selbst ein Drehkreuz, Handschellen etc. könnten ja sogar bei Mann und Frau im Schlafzimmer hängen. Aber unser Schlafzimmer bestand tatsächlich „nur“ aus einem Bett, einem Sideboard und einem TV. Ach und zwei Nachtkästchen mit jeweils einer Lampe. Schande über uns. Nichts Verächtliches.

Ganz ehrlich. Was denken „Gegner“ von gleichgeschlechtlichen Beziehungen denn von diesen? Jeder Mensch ist so bunt, wie er sein möchte. Viele trauen es sich nicht. Ich weiß. Es gibt Männer, die lieben schon seit Jahren Männer. Und Frauen, die lieben schon seit Jahren Frauen. Alles heimlich. Teils leben sie sogar ein „Vorzeigeleben“ mit einer Bilderbuchfamilie von Mann mit Frau und Kindern.

Sie sind sehr neidisch, man merkt es. Es gibt überall diese Art von Ehen/Beziehungen. Doch es merkt kaum einer. Doch diese Menschen leben nicht das, was sie möchten. Sie würden es so gerne.
Und doch sind sie etwas peinlich berührt, wenn Melanie und ich händchenhaltend durch den Ort gehen. Denn sie verstecken es am liebsten. Weil es nicht von allen akzeptiert wird. Oder man wird nicht ernst genommen, ausgelacht und verachtet.
Autsch. Es tut so wahnsinnig weh zu wissen, dass Menschen ihre Gefühle verstecken. Gar nicht wahrhaben wollen. Vielleicht sogar unglücklich leben, weil die Gesellschaft es so erwartet? Viele haben sicherlich auch gar nicht die Kraft ihre Gefühle zuzulassen. Sie zu leben. Dies musste ich auch schon erleben. Einfach aus Angst vor dem Umfeld. Gerade in den Dörfern, kleinen Gemeinden.
Dieses Urdenken. Die Frau gehört an den Herd. Bedient ihren Mann nach seiner schweren Arbeit. Zieht Kinder groß, kümmert sich nur um den Haushalt. Sind wir nicht schon so viel moderner geworden? Hat sich die Welt nicht weiter gedreht seit 1900 sowieso!? Sollte man nicht mittlerweile über den Tellerrand schauen können?

…denn es könnte alles so schön bunt sein. Erstrahlen in Regenbogenfarben. Wenn denn alle einen Pinsel in die Hand nehmen und ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Es muss nur echt sein.

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