Ein kleiner Tropfen

Ziellos ging Melissa durch die Straßen. Gedankenfragmente zogen vor ihrem geistigen Auge vorbei. „VORBEI“.
Noch letzte Woche ging sie diesen Weg voller Vorfreude auf das, was sich in einigen Wochen verändern sollte. Sie sollte diesen Weg nicht mehr alleine gehen, sondern von ihrem Kind begleitet werden. Doch der Tag, der alles veränderte, lag nun eine Woche zurück.
Die Sonne schien verräterisch, als sie die Praxis ihres Gynäkologen betrat, um sich freudig die neuesten Momente ihres kleinen Mitbewohners im Ultraschall anzusehen. Doch statt des rhythmischen „PfuppPfupp“ des Herzchens herrschte Stille. Eine Stille, die bis heute in ihr vorhielt.
Sie ging und ging. Es gab nichts, was sie tröstete. Nichts, was sie aus dieser Stille nahm. Sie war leer.

Hoch oben über ihr zogen Wolken auf. Dunkel. Passend zu ihrer Stimmung. Passend zu ihrem Schmerz. Sie trug keine Jacke. Sie hatte schlicht nicht daran gedacht.
Sie dachte nicht mehr an sich. Ihre Gedanken hatten ein Eigenleben und so setzte sie die Füße voreinander. Nicht wissend, dass sie beobachtet wird.

Tupsi sah von einer Wolke, die sich über ihr zusammenzog, auf sie herab. „Eine tieftraurige Frau!“, sprach er laut aus. Der Tropfen, bestehend aus dem Element, das uns alle formt, aus Wasser, schwebte über den Köpfen derer, die ihn brauchen. Einen kleinen Tropfen mit großer Wirkung.
Tupsi sagte zu seinem Freund neben ihm: „Ob ihr ein Regenbogen hilft?“ Sein Freund überlegte und die beiden beschlossen, Melissa einen wunderschönen Regenbogen zu schicken, indem sie sich zur Sonne drehten. Doch Melissa konnte die Sonne und die Farben nicht wahrnehmen. Sie übersah den Gruß der Tropfen von oben. Dabei waren ihre Gedanken doch durchgängig im Himmel bei der Seele, die ihr so fehlte.
Tupsi wollte Melissa helfen. Der Druck erhöhte sich und seine Freunde sprangen aus den Wolken auf die Erde, um dort ihrer Bestimmung des ewigen Kreislaufes nachzugehen. „Tupsi! Ich habe eine Idee! Wir gehen DIREKT zu Melissa! Wir gehen auf sie zu und zeigen ihr so, dass wir für sie da sind!“, rief der Freund. Tupsi und er sprangen von der Wolke und sahen, wie die anderen Freunde bereits versuchten, Melissa ein wenig aus ihren Gedanken zu holen. Doch sie hatten keinen Erfolg. Tupsi sprang direkt auf Melissas Nase. „Huch!“ Melissa sah verdutzt auf. Auf ihrer Nase war ein Regentropfen. Sie schielte zu ihm und musste im gleichen Moment schmunzeln über ihr sicher lustig aussehendes Gesicht. Tupsi kuschelte sich an Melissa. Gerne wollte er ihr Lächeln festhalten. Seine Freunde sprangen begeistert um die beiden herum. Wenn sie den Boden berührten, bildeten sich kleine Ränder, die wieder gen Himmel schossen. Lustig tanzten die Regentropfen um Melissa herum. „Euch schickt der Himmel!“, rief die traurige Frau laut aus. Der meiste Regen fiel vorbei. Aber einige Tropfen berührten sie. Gaben ihr Zeichen aus dem Himmel. Dies gab ihr festen Halt. Ihre Tränen vermischten sich mit Tupsi und seinen Freunden. Sie flossen herab und wurden durch Melissa ganz warm. Sie streckte die Hand aus und war in dem Moment dem Himmel ganz nah.
„Du bist bei mir!“, sagte sie und in ihr machte sich das Gefühl des Halts breit. Sie fühlte sich gehalten und am liebsten hätte sie den Tropfen auf ihrer Nase für immer dort behalten.
Ein kleiner Tropfen mit einer großen Bedeutung. Ein Tropfen, der als Symbol der Trauer und des Kreislaufes bei ihr war. Der ihr Halt gibt.
Kleiner Tropfen – große Wirkung. Fortan war Tupsi immer in Melissas Nähe. Sie trug ihn bei sich, denn er hatte sich unbemerkt auf ihre Handtasche fallen lassen. „Ich bin da, Melissa!“, flüsterte er. „Ich lasse Dich nicht allein!“.

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