Verlassene Grabstelle

Verlassene Grabstelle (Vorsicht: Tränen fördernd)

Heute hatte ich mit Marlen einen Termin beim Friedhof der Nachbarstadt, wo wir versuchen, Sternenkinderbestattungen zu organisieren. Wir haben uns mit der zuständigen Dame unterhalten und Einiges an grundlegenden Fragen geklärt. Es war auch ein sehr schönes Treffen, das mir Hoffnung für die Bestattungen macht. (Hoffnungen in dem Sinne, dass wir dort ab nächstes Jahr schon Sternchen würdig zur Ruhe betten können.)

Sie führte uns dann durch den Friedhof und mir wurde schon ein wenig flau im Magen. Einige meiner älteren Familienmitglieder liegen bereits hier und die Erinnerung an die Bestattung meines Opas macht mir jetzt schon zu schaffen. Wir gehen vielleicht 5m neben seinem Grab vorbei, in dem auch meine Oma und einer meiner Onkel schon seit sehr vielen Jahren liegen. Die Bestattung meines Opas war aber die Erste, bei der ich teilgenommen habe (bei den anderen war ich noch zu klein bzw. noch nicht geboren). Daher muss ich jetzt schon schlucken und die Erinnerungen mit aller Kraft beiseiteschieben.

Dann – nach mehreren Kreuzungen – kommen wir, begleitet von Vogelgezwitscher, zur „Kinderabteilung“, also dort, wo die Kinder liegen. Es ist bunt hier, jedes Grab schön dekoriert und man sieht ihnen die Liebe an, mit der die Eltern die Liegestätten ihrer Kinder pflegen. Mein Blick fällt auf ein Grab direkt neben dem Weg, auf dem wir gehen. Ich lese zwei Namen. Zwillinge.
Nein halt, nicht einfach nur Zwillinge, sondern DIE Zwillinge!

Die Zwillinge, deren Mutter ich letztes Jahr mit Andenken und so weiter versorgt hatte, während ich selbst schon im fünften Monat war. Die Zwillinge, zu deren Geburt Carolin extra noch ins Krankenhaus in Berlin gefahren war, um der Mutter die restlichen Sachen zu bringen. Die Zwillinge, deren Bilder bei der Übergabe der Erinnerungen bei Ihnen zuhause an den Wänden hingen.

Damals wollte ich eigentlich noch über diese Betreuung einen Bericht schreiben, war aber mit meinem Hormonfasching einfach nicht in der Lage, die Zeilen aufs Papier zu bringen, was mir eigentlich nie schwer fällt. Die Geschichte holt mich jetzt bei unserem Termin zu den Sternchenbestattungen wieder ein. Und ich bin nicht drauf vorbereitet.

Ich versuche zwar brav und artig zuzuhören, was gerade erklärt wird, aber eigentlich suchen meine Augen dringend nach etwas Unverfänglichem, an dem ich mich fest starren kann, während ich um meine Fassung kämpfe. Und woran bleiben meine Augen hängen?
Ausgerechnet an einer Engelsfigur, neben der zwei Stofftiere liegen. Ein Tigga und ein Hase, der einen Stern in den Armen hält. Beide liegen sicher schon seit Jahren da, denn Ihre Farben sind schon fast nicht mehr zu erkennen und sie sind vollkommen mit Dreck bedeckt. Ansonsten ist die Grabstelle vollkommen leer. Nicht einmal vertrocknete Pflanzen oder bemalte Steine liegen dort. Nur nackte Erde.
Ein vergessenes Sternchen.
Niemand besucht es, niemand bringt ihm neuen Schmuck.
Niemand pflanzt Blumen oder hält vor dem Engel inne, der es bewacht, und denkt an es.

Ich sage mir, dass es jetzt im Himmel ist und dort gerade sicher mit anderen Sternchen spielt, aber der Anblick kostet mich den letzten, kläglichen Rest meiner Selbstbeherrschung und ich würde am liebsten laut losheulen.

Aber wir Uckermärker sind aus einem speziellen Holz. Wir weinen nicht vor Fremden und wenn doch, dann ist uns das zutiefst unangenehm.
Marlen und unsere Gesprächspartnerin stehen gerade vor mir bei den Kindergräbern und reden Schulter an Schulter über irgendwas, dem ich schon seit Minuten nicht mehr folgen kann. Vorbei mit der vornehmen Zurückhaltung, ich muss weg hier. Wenigstens kurz, um mich wieder ein bisschen zu beruhigen. Ich gehe langsam rückwärts und verschwinde dann fluchtartig hinter der nächsten Hecke, die beiden bemerken es nicht.
Ich brauche einige Minuten, um mich zusammen zu reißen. Die Besichtigung der künftigen Sternchenwiese für die Sammelbestattungen steht ja noch bevor, da muss ich wieder beisammen sein. Es fällt mir echt schwer, denn das Zwillingsgrab und der Schock über das verwaiste Kindergrab sitzt tief. Aber nach ein paar Minuten hab ich mich so weit gefasst, dass ich mich den beiden wieder anschließen kann, die schon auf dem Weg zur Wiese sind. Die Beiden schauen mich nur kurz an, sagen aber nichts. Warum auch?

Wir sehen uns die Wiese an und meine schluchzenden Gedanken wenden sich verzweifelt der künftigen Gestaltung der Wiese zu. Es lenkt mich ab, beschäftigt meinen Kopf und wir beenden unseren Termin.
Beim Rausgehen erzählt mir Marlen, dass Sie einiges von den Sachen, die wir zum Zeigen dabei hatten, bei dem verlassenen Grab abgelegt hat.

Ich nehme mir vor, das nächste Mal Blumen mitzubringen.

Anja

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