Sternchengrab

Ich habe kein Sternenkind. Ich habe zwei gesunde, kleine Satansbraten zuhause.
Und trotzdem.

Das verlassene Grab, auf dem nicht einmal ein Stein mit einem Namen steht, lässt mich einfach nicht los. Und so stehe ich im KIK – dem Tempel billiger Kinderklamotten, welch Ironie! – und habe meine Hand nach den Grabkerzen ausgestreckt. Es ist schwer zu beschreiben, was gerade in mir vorgeht.

Dieses Kind, das dort liegt, ist nicht meines. Aber die beiden Kuscheltiere, die dort auf dem Grab vor sich hin gammeln, sagen mir, dass dieses kleine Wesen nicht unbetrauert von dieser Erde gegangen ist. Auch wenn das Grab, so wie es aussieht, danach nie wieder besucht wurde.

Eigentlich müsste ich mir den Schmerz, den der Anblick dieses Grabes in mir hervorruft, gar nicht antun. Es geht mich, so gesehen, nichts an. Aber ich kann den Gedanken irgendwie nicht ertragen, dass diese beiden verblichenen Kuscheltiere das einzige sein sollen, was diese Ruhestätte ziert, während alle anderen Kindergräber mit Weihnachtsschmuck geradezu überladen sind. Es tut weh. So oder so.

Und trotzdem stehe ich jetzt mit eben dieser Kerze auf dem Friedhof im kühlen Wind und versuche, sie mit Tränen in den Augen für ein Sternenkind anzuzünden, das außer mir niemand besucht. Es gelingt mir nach mehreren Versuchen und ich heule Rotz und Wasser, als ich auch noch ein kleines Windrad daneben in den schlammigen Boden stecke. Ich weiß, ein Windrad in der Weihnachtszeit ist nicht unbedingt passend, aber ich sehe es nicht als Dekoration, sondern als „Weihnachtsgeschenk“ und hoffe, dass es von Friedhofspersonal im neuen Jahr nicht wie die Weihnachtsdekoration einfach abgeräumt wird. So bald werde ich es nicht wieder besuchen können.
Schnell flüchte ich vom Friedhof und schäme mich im Weggehen fast, dass ich es nicht einmal geschafft habe, die Kerze noch ein wenig zu verzieren. Beim nächsten Mal, versprochen.

Anja

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