„Stell dich nicht so an!“

„Stell dich nicht so an!“
„Euch geht’s doch gut!“
„Es ist doch alles gut gegangen…“

Dies sind nur einige der vielen Sprüche, die mich gerade im ersten Lebensjahr meines Sohnes relativ häufig begleitet haben.

„Zieh nicht so ein Gesicht, er ist doch gesund…“
„Du machst es dir nur selbst schwer…“

Nun ja, das ist meiner Meinung nach reine Ansichtssache.
Natürlich sind wir beide gesund und munter.
Natürlich hätte es uns schlimmer treffen können.
Aber mal ehrlich, ist es nicht schlimm genug, wenn eine Mutter über Wochen um das Leben ihres Kindes bangen muss?! Und dann nicht einmal genau weiß, ob dieses Kind Folgeschäden aufgrund der Frühgeburt erlitten hat?

Du erfährst, dass du schwanger bist, bist überglücklich und malst dir doch im Kopf schon die schönsten Dinge aus. Gehst zur Geburtsvorbereitung, arbeitest die Baby-Einkaufsliste ab, damit am Ende auch wirklich nichts fehlt. Renovierst das Kinderzimmer, damit das Baby sich auch gleich wohl fühlt, wenn ihr zusammen aus dem Krankenhaus nach Hause kommt.

Und dann… dann kommt der Tag, an dem sich alles ändert und du vorerst ohne dein Kind nach Hause kommst. Du stehst im Kinderzimmer, doch das Bett ist leer. Windeln, Kleidung, alles liegt bereit, doch dein Kind ist so klein, dass es diese Kleidung noch lange nicht tragen kann und darf, denn es liegt mit viel zu vielen Kabeln in seinem kleinen „Häuschen“ auf der Neo.

Was macht so etwas mit einer Mutter?

Natürlich kann ich nicht für jede Frühchenmama sprechen, aber mich hat der Tag der Geburt um 180 Grad verändert. Ich war immer ein lebensfroher Mensch, habe mir über Risiken niemals einen Kopf gemacht. Ich tat das, worauf ich Lust hatte und was mir vor allem Spaß gemacht hat. Doch diesen Menschen gab es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr… zumindest vorerst. Ich wurde krank, sehr krank. Körperlich habe ich alles wunderbar verkraftet, doch meine Psyche zerbrach in Millionen Teile.

Mein Tag bestand zum Großteil daraus, im Krankenhaus am Bett meines Kindes zu sein und ihm die letzte Kraft, die ich noch hatte, zu geben. Doch sobald ich die Neo verließ, bröckelte meine Fassade und das Drama nahm seinen Lauf. Ich weinte. Und das so lange, bis ich am nächsten Morgen wieder bei meinem Kind war. Als wir nach 9 Wochen das Krankenhaus gemeinsam verlassen durften, dachte ich: „Jetzt wird alles besser!“ Doch das tat es nicht!!!

Meine anfängliche Wochenbettdepression breitete sich rasant aus, obwohl ich es überhaupt nicht gemerkt habe, wie denn auch…?! Denn während andere Mamas zum Babyschwimmen, Pekip oder dergleichen gingen, rannte ich von einem Arzt zum anderen, von einer Therapie zur nächsten, alles nur, damit mein Kind sich richtig entwickelt. Dies konnte ich dann gute 2 Monate auch wirklich durchziehen und dann kam Tag X, an dem mein Körper sagte: „No way!!! Hier ist Endstation.“ Ich brach auf offener Straße zusammen, mein Kind hatte ich zu diesem Zeitpunkt in der Manduca, denn das Tragen hatte man mir sehr ans Herz gelegt. Die Leute schauten mich an, als wäre ich eine Irre, die gerade irgendwo ausgebrochen ist. Und bevor die Frage aufkommt, nein, es hat mir niemand geholfen!!! Mit letzter Kraft schleppte ich mich, samt Kind vor der Brust, heim. Den Kleinen konnte ich noch gerade so in sein Bettchen legen und ich bin im Heulkrampf eingeschlafen. Wach wurde ich dann nach einiger Zeit, als mein Mann von der Arbeit heim kam. Er stand in der Tür und schaute mich nur an… Meine Worte waren: „Bringt mich zum Arzt.“

Posttraumatische Belastungsstörung und ein sehr ausgeprägter Erschöpfungszustand, das war die Diagnose. Relativ rasch gab’s dann auch gleich die richtigen Medikamente und es dauerte auch nicht allzu lange, bis die ersten Anzeichen der Besserung in Sicht waren. Zwischenzeitlich wurde es auch ruhiger, was Termine mit dem Junior betraf, denn ich nahm mir auch mal mein Recht als Mutter raus, NEIN zu sagen. Nein, da passt mir der Termin nicht, nein, da habe ich bereits Termine. Aber auch das private Umfeld machte mir das neue Leben nicht leichter… Es wurden wie wild Pläne geschmiedet, was nicht alles mit meinem Kind unternommen wird, wo es schläft, selbst, was es essen soll. Ich nahm diese Planungen nicht mehr für voll, denn innerlich stand für mich bereits fest, dass MEIN Kind bei mir bleibt, ich entscheide, was es isst, und auch ich als Mutter alle weiteren Entscheidungen treffen werde. Womit wir wieder bei den oberen Statements wären…

„Stell dich nicht so an.“
„Gib ihn auch mal ab.“

Es gab einfach Menschen in meinem Umfeld, die nicht verstehen wollten, dass mein Kind nicht so ein Kind ist wie ein normal geborenes… Nein, er kam 11 Wochen zu früh auf diese Welt, war von jetzt auf gleich von der „Basis“ getrennt und musste lange alleine ohne Mama und Papa in seinem „Häuschen“ liegen. Ganz davon abgesehen, gehört ein Baby doch einfach nur zu seinen Eltern, es soll kuscheln und schmusen und all die Liebe genießen dürfen.

Heute, etwas mehr als ein Jahr später, kann ich nur sagen, ich habe alles dafür gegeben, dass es meinem Kind gut geht, habe es geschützt, wo ich es schützen musste, und ihm bisher all die Liebe und Zuneigung gegeben, die es brauchte. Heute kann ich allerdings auch sagen, dass ich schon mehr auch auf mich hätte achten müssen. Denn auch ein Jahr später bin ich noch lange nicht gesund und auch nicht die, die ich früher war. Es geht mir besser, aber die Panik und Angstzustände werden mich noch lange Zeit begleiten. Aber man lernt damit umzugehen. Man lernt auch, sich von Dingen zu trennen, die einem nicht gut tun.

Was möchte ich mit meiner Geschichte sagen? Ich möchte sagen, dass eine Frühchenmama dasselbe Recht hat, wie jede andere Mama auch, mal schlecht drauf zu sein, ein mieses Gesicht zu ziehen oder mit ihren Gedanken einfach ganz woanders zu sein.
Und solche Sätze wie: „Euch geht’s doch gut!“ oder „Es hätte auch schlimmer kommen können“, die möchte man überhaupt nicht hören, denn in diesem Moment ist es einfach schon schlimm genug.

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