In unserer Macht …

Hi, wir waren schon in Kontakt, aber ich kann gern von meinem Sohn Mark erzählen. Da hole ich etwas weiter aus, wenn es in Ordnung ist. Ich hatte schon zwei Fehlgeburten vor ca 5 – 6 Jahren, darunter eine Ausschabung und dann bekam ich meinen Sohn Oliver unter einer schweren Geburt und einer normal langen Kinderwunschbehandlung. Ich hatte mir schon damals, 2014, als Oliver kam, die Frage gestellt: Habe ich nicht genug auf ihn aufgepasst und hatte er deshalb einen so schlimmen Start? War es die halbe Beruhigungstablette, die ich einen Monat vorher nehmen musste? Weil genau zu dieser Zeit plötzlich im 8. Schwangerschaftsmonat meine Mutter verstarb und ich einen Zusammenbruch hatte. Schon damals habe ich gelernt, dass ich nicht schuld bin und ich Oliver nicht geschadet habe. Und heute geht es ihm ganz hervorragend. Dann wurde ich unerwartet nach 3 Jahren wieder schwanger und wir befanden uns in einer positiven Schockstarre, als mein Mann und ich sahen, dass zwei Herzchen auf dem Ultraschallbild schlugen. Ich nahm es genauso wie es kam. Bei diesem Geschenk habe ich fest an meine verstorbene Mama geglaubt. Schon in der 14. Woche ging für uns der Alptraum los. Es hieß bei einem Zwilling, dass er es wahrscheinlich nicht schafft und ein fetofetales Transfusionssyndrom der Grund sei. Es würde wohl eins im Bauch versterben und das andere gesund zur Welt kommen. In einer Spezialklinik wurden wir regelmäßig untersucht. Eine Arzthelferin machte mir große Angst, als sie sagte: „Einer wird nicht sterben, entweder schaffen es beide oder keiner.“ Da ist für uns eine Welt zusammen gebrochen. Diese Aussage kam, bevor ein Arzt mit uns gesprochen hat. Wir standen ständig unter Angst und Hoffnung. Entweder gab es eine gute Nachricht oder eine schlechte. Zwischenzeitlich sah der Befund für beide Zwillinge gut aus. Ab der 26. Woche kam eine neue Diagnose hinzu, ein fetofetales Transfusionssyndrom mit einer Tabs. Also nicht nur zu wenig Fruchtwasser, sondern ein Zwilling hat Anämie, also Blutarmut und einer hat zu viel Blut. Der Wachstum von Mark stagnierte und ab der 29. Woche wurde ich stationär aufgenommen. Immer wieder kämpfte Mark, aber ich glaubte nicht mehr an sein Leben, sondern nur an das seines Bruders Niko. Ende der 31. Woche war wie durch ein Wunder keine der Diagnosen mehr vorhanden. Alles sah super für beide aus. Wir waren immer noch vorsichtig, aber überglücklich. Der Oberarzt wollte bis zur 35. Woche warten, aber der Chefarzt sagte, dass wir jetzt kein weiteres Risiko mehr eingehen. Sie holten die Zwillinge per Kaiserschnitt in der 32. Woche. Der Kaiserschnitt war ein traumatisches Erlebnis. Ich spürte noch alles und konnte nicht wach bleiben nach der Teilnarkose, also bekam ich eine Vollnarkose. Um den Zwillingen nicht zu schaden, habe ich angeboten, die Schmerzen zu tragen und die Vollnarkose nicht durchführen zu lassen, wenn sie den Kindern schadet. Aber der Arzt beruhigte mich und sagte, dass es das Beste sei, wenn ich jetzt schlafe. Mein Mann sah die Zwillinge und war wie betäubt. Mark musste wieder geholt werden und der Apgarwert wurde gar nicht erst eingetragen. Niko wurde sofort an Schläuche gehangen. Beide wurden bestens versorgt. Mein Mann lief verwirrt durchs Krankenhaus und wusste nicht, wo er war. Er war einfach wie betäubt. Mit diesem Befund hatte keiner mehr gerechnet. Ich wollte an diesem Tag nur meine Ruhe und mich auf meine Schmerzen konzentrieren, aber ich habe gespürt, dass nicht alles in Ordnung ist. Nur war ich nicht bereit, es zu erfahren. Zwei Tage später, mein Mann schlief mit mir in einem Familienzimmer, bekam ich um 4 Uhr morgens einen Anruf aus der Klinik. Und da ich ja noch da war, musste es die Intensivstation sein. Verängstigt rief ich zurück, aber es ging keiner ran. Eine halbe Stunde später weckte mich an meinem Bett der Kinderarzt auf. Er sagte uns, dass Mark nach der Geburt schwer krank geworden sei und sie ihn operieren und nicht wissen, ob er es schafft. Mark hatte eine NEC, er überstand diese schwere OP und blieb stabil, er schaffte auch die zweite schwere OP. Und ab da war die Medizin machtlos. Sein ganzer Dünndarm war abgestorben, mit einem Stück hätten die Ärzte arbeiten können, da sie exzellent sind, aber mit gar nichts geht es nicht. Nach dieser OP kamen 5 Ärzte in mein Zimmer und ich wusste, das war das Ende für unseren Sohn. Ich war zu schwach, um zu ihm auf die Intensiv zu gehen und Mark zu schwach, um zu mir zu kommen zum Abschied. Wir entschieden uns, ihn nottaufen zu lassen und mein Mann hatte das Privileg, ihn zu begleiten und die Taufe mitzuerleben. Danach wurde mir immernoch ans Herz gelegt, meinen Sohn zu verabschieden. Aber ich wusste, dann würde ich nicht mehr ich selbst sein. Denn er war bestimmt nicht mehr so, wie ich ihn einmal im Brutkasten vor der zweiten OP gesehen hatte. Er wäre kalt und blau gewesen und der Druck für meine Seele, ihn verabschieden zu müssen, war sehr groß. Meine Therapeutin gab mir Unterstützung und sagte, dass meine Entscheidung, egal wie sie ist, gut ist.Trotzdem musste ich jetzt mit Verschiedenem leben. Das Schlimmste, ich hab mich nicht verabschiedet. Und ich kann mir dafür die Schuld geben. Aber es war mein Körper, der es nicht geschafft hat. Ich wäre zusammen gebrochen und dann vielleicht meine Narbe aufgerissen. Das Zweitschlimmste, ich hab ihn tot nicht mehr verabschiedet. Und auch damit muss ich leben. Und der dritte Vorwurf könnte sein, dass ich nicht alles getan habe und das bringt mir nichts. Ich habe das getan, was als Mama in meiner Macht stand und das sollte jeder so anerkennen. Jeder isst genug, jeder trinkt genug, jeder achtet auf sich, jeder passt auf seinen kleinen Schatz auf. Aber wenn es anders kommen soll, sind wir machtlos. Wir können nur zuschauen und uns selbst vergeben, denn wir haben alles in unserer Macht stehende getan.

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