Die Magie von Zwillingen

Zwillinge haben nach wie vor etwas Magisches an sich. Nicht nur, weil sie oftmals gleich aussehen oder weil man manchmal kaum eine Ähnlichkeit erkennt, sondern weil man nur all zu schnell merkt: Sie spüren und fühlen einander. Als ich mit meinen Jungs schwanger war, habe ich mich oft gefragt: Kommunizieren die beiden? Können sie das? JA, das können sie. JA, das tun sie. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn man bedenkt, dass sie einander hören, noch bevor das eigene Herz anfängt zu schlagen. Ja, so ist es. Das Ohr ist das erste vollständig ausgeprägte (Sinnes-)Organ und ein Fötus kann hören, bevor das Herzchen schlägt. Zwillinge sind somit nie allein. Sie kennen den Herzschlag des Anderen. Im Laufe der Schwangerschaft, im Laufe der Entwicklung des Gehirns, teilen sich Zwillinge buchstäblich das Gehirn auf. Einer entwickelt die rechte Gehirnhälfte ausgeprägter, der andere die Linke. So ist es ja gar nicht mehr erstaunlich, wenn morgens Zwilling 1 mitteilt: Mama, du musst nicht aufstehen, mein Bruder ist eh krank. Aber was ist, wenn ein Zwilling für immer fehlt? Wenn ein Zwilling für immer allein gelassen wird? Wie sind eure Erfahrungen? Seid ihr vielleicht alleingelassene Zwillinge?

Damit ihr auch weitere Aussagen/Texte hier versteht, möchte ich als Zwillingsmutter versuchen, euch einen Teil der magischen Beziehung beizubringen, die auch ich erst verstehen musste. Als ich erfuhr, dass wir Zwillinge bekommen werden, bestellte ich mir quasi direkt ein Buch: „Die Schwangerschaft und die ersten zwei Jahre mit Zwillingen“. Ich las eine Seite mitten im Buch, bekam schiere Panik und rührte dieses Buch bis heute nicht an. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört, habe die Kinder gespürt, beobachtet und erst jetzt, 8 Jahre später, lese ich in Büchern nach und entdecke noch viel mehr. Bereits im Bauch merkte man ziemlich schnell, dass beide miteinander kommunizierten. Wenn Zwilling 1 morgens Schluckauf bekam, war Zwilling 2 so genervt, dass er mächtig trampelte. Er mochte es nicht, im Schlaf gestört zu werden. Das hält tatsächlich bis heute. Und wenn einer sich leicht bewegte, stimmte der zweite schnell ein. So war es auch nach der Geburt. Getrennt schlafen? Niemals! Selbst im Kinderwagen suchte eine Hand oft die andere. Weinte einer, versuchte der andere immer zu trösten. War einer krank und brauchte mehr Fürsorge, konnte der andere stundenlang im Laufstall liegen und die Decke anschauen. Meine Zwillinge, und das ist nicht unüblich, entwickelten sogar eine eigene Sprache. Bis wir Eltern merkten: Kein anderes Kind versteht die Zwei. Noch heute herrscht zwischen den beiden eine extrem innige, bedingungslose Liebe. Und verrückterweise kommt auch schon mal ein Kind aus der Schule: „Geht es meinem Brudi so schlecht, dass er nach Hause musste? Ich glaube, der hatte keine Lust auf Religion!“ Wie sich später herausstellte, hatte er es tatsächlich nicht. Sie verstehen sich nicht nur mit Blicken, die brauchen sie nicht. Schwer zu greifen, aber ich denke, viele Zwillingseltern oder Zwillinge können hier tatsächlich selbiges berichten.

Wenn zwei Wunder das Licht der Welt erblicken, spürt man schnell: Doppelpack sagt man nicht nur, es ist so. Zwillinge brauchen sich. Sie brauchen die Nähe des Anderen. 37 Wochen (wenn alles gut läuft) verbringen zwei Kinder 24 Stunden miteinander. Sie kommunizieren und hören den Herzschlag. Oft berühren sie sich so sogar beabsichtigt. Auch bei zweieiigen Zwillingen. So ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass die Geburt fast zu einem Schockzustand führt, wenn man bedenkt, dass viele Zwillinge dann erst einmal alleine sind. Es ist eine brutale Trennung. Sei es, weil sie dringend zur ärztlichen Untersuchung gebracht werden müssen, weil ein Zwilling intensivmedizinische Behandlung benötigt, oder weil einer leise und still wieder die Erde verlässt. Zwillingsmütter, die beide Kinder zu Hause (oder auch im Krankenhaus) bei sich haben, werden schon nach wenigen Stunden feststellen, dass die Kinder dann ruhig sind, wenn sie ganz nah beieinander liegen. Wenn die Kinder die Hände halten, ihren Herzschlag hören. Wenn aus einem Duo nun ein Uno wird, wie begleitet einen dies? Alleingelassene Zwillinge berichten oft, dass sie sich umarmt fühlen, mit ihrem Zwilling sprechen, der Zwilling ihnen mitteilt, dass es toll ist, dass der Zwilling leben kann. Aber vorstellen kann man es sich eigentlich nicht, oder? Man stempelt es doch schnell als „Scharlatanerie“ ab. Aber nein, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, mit anderen Zwillingen spricht, hört man immer wieder: „Ich habe es gespürt …“ Hast du es auch gespürt?

Manche Menschen haben ein Leben lang das Gefühl, ihnen fehlt etwas an ihrer Seite. Aber was? Es ist nichts Materielles. Es ist einfach ein Gefühl, das sich oft nicht einfach so beschreiben lässt. Vielleicht sind mehr Menschen davon betroffen, ein verlorener Zwilling zu sein, als man denkt. Sollten wir manchmal einfach unserem Gefühl mehr trauen, wenn man diese Zahlen sieht? Schaut euch einmal dies an: Bei jeder hundertsten Schwangerschaft kommen zwei Kinder zur Welt. Bei jeder 10. Schwangerschaft kann nachgewiesen werden, dass zwei Fruchthöhlen entstanden. (Das sind Zahlen aus Belgien, hier werden Schwangere bereits in der 4./5. SSW per Ultraschall untersucht). Somit ergeben sich folgende Aussagen: Jeder 10. hatte einen Zwilling zu Beginn der Schwangerschaft. Jeder 10. eingenistete Zwilling wird auch geboren. Jede 100. Geburt ist mindestens eine Zwillingsgeburt. Jeder 50. hat einen lebenden Zwilling. (Quelle: „Der verlorene Zwilling“, die Zahlen weichen je nach Quelle und Land ab.) Auch heute ist es noch so, dass man nach einer Geburt zwar Spuren des verlorenen Zwillings in der Plazenta entdeckt, um die Eltern aber nicht zu belasten, wird es oft nicht gesagt. Hast du schon mal drüber nachgedacht, ein allein gelassener Zwilling zu sein? Oder kennst du jemanden? Wie geht es euch mit dieser Situation? Wusstet ihr: Der lila Schmetterling ist ein Zeichen für einen verstorbenen Zwilling.

Wie kann man einen Tag, an dem ein Kind geboren wurde, dass andere aber starb, nun angemessen verbringen? Machen wir uns da vielleicht als erwachsene, rational denkende Menschen, viel zu viele Gedanken? Sollten wir einfach den Geburtstag zweier Menschenkinder feiern, denn der verlorene Zwilling lebt definitiv in dem alleingelassenen Zwilling weiter? Wie verbringt ihr diese Tage?

Bild: Netzfund

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