Unbegreiflich

Unbegreiflich

Schon wieder hat es jemand getan.
Schon wieder liegt ein Neugeborenes – allein und nur in eine Decke gewickelt – in der kalten Nacht.
Schreit. Weint. Möchte gewärmt und geliebt werden.

Ich kann nicht begreifen, wie jemand so etwas tun kann.

Auch wenn das Kind vielleicht krank, das Ergebnis einer ungewollten Schwangerschaft oder gar im Geheimen auf die Welt gekommen ist. Nichts – und ich möchte es gerne noch einmal betonen – ABSOLUT NICHTS rechtfertigt es, ein so kleines Wesen bei knapp über Null Grad wie Müll einfach vor einer Haustür abzulegen und sich aus dem Staub zu machen.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich das Kleine fühlt. Statt warm und satt an Mama gekuschelt zu sein und sich bewundern und vorsichtig küssen zu lassen, liegt es frierend und mutterseelenallein auf dem kalten Beton, nur (!) in eine dünne Babydecke gewickelt, sich selbst überlassen. Vielleicht hat der oder diejenige, die das Kind abgelegt hat, vielleicht sogar noch geklingelt? Ich weiß es nicht. Aber wenn es schon unterkühlt war und lauthals schrie, hat das wohl nichts gebracht.

In solchen Momenten werde ich sehr traurig und denke über gesunden Menschenverstand, Schicksal und Gerechtigkeit nach. Und ja… auch ein bisschen über einen Gott, der sich nicht mal um seine kleinsten Schäfchen kümmert… Ich bin nicht gläubig und werde es angesichts solcher Taten garantiert auch nicht mehr werden. Ich weiß, ihr werdet jetzt sagen: Wieso, er „holt sie doch zu sich“ und sorgt dort für sie. Aber warum schenkt er ihnen erst das Leben, um sie dann auf diese furchtbare Weise wieder sofort zu sich zu holen?
Ich denke: ‘Überlasst die Eltern dem Pöbel.‘ und zucke im gleichen Augenblick zusammen, denn ich weiß sofort, was der „Pöbel“ mit denen machen würde. Was ich tun würde.
Meine Gedanken springen aber sofort weiter, Mitleid für die Mutter hat in meinen Gedanken gerade keinen Platz. Wenn Sie das Kind haben wollte, dann hätte sie dafür auch gekämpft.
Ich erwische mich, wie ich abschätze, ob noch Platz bei uns Zuhause für so einen Wurm ist. Mein Kleinster ist gerade 8,5 Monate alt. Es wäre schwer, aber besser als zu erfrieren, finde ich. Meine Überlegungen sind aber rein theoretisch (Wunschdenken?), stelle ich fest. Selbst wenn ich mich melden würde, selbst wenn ich es gefunden hätte, einfach aufnehmen und aufziehen geht in unseren bürokratiegeplagten Zeiten nicht so einfach. Wahrscheinlich gar nicht.
Zudem gibt es – auch bei uns im Verein – genug Eltern, die alles dafür geben würden, wenigstens ein Kind zu haben. Das Kleine, das andere so einfach weggeworfen haben, ich würde es ihnen von ganzem Herzen wünschen. Drei gebrochene Herzen finden zusammen und können so (vielleicht mit der Zeit) heilen. Es wäre ein schönes Happy End.

Ich muss jetzt an meinen kleinen Sohn denken, wie er heute Morgen auf seiner Decke lag, weinte, wie die kleinen Händchen nach mir ausgestreckt waren und die kleinen Finger nach mir griffen. Ich hab ihn gleich hochgenommen, mit den Armen eingewickelt, ihn getröstet und ihm gesagt, wie sehr ich ihn liebe.
Das wünsche ich auch dem kleinen Treppenbaby. Ab jetzt. Jeden Tag.

 

A.

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