Scham …

Es ist ein schöner Tag. Die Sonne strahlt. Ein warmer Wind umweht mein Gesicht. Ich fühle mich gut. Stark und mutig. Und dann dieser Wille. Dieser Wille, sich heute nicht wieder im Haus zu verkriechen. Frisch geduscht, die Haare ordentlich, die Jogginghose und Schlabberpulli eingetauscht gegen ausgehtaugliche Kleidung. Und los geht’s. Einfach raus. An die frische Luft. Eine Kleinigkeit einkaufen, das ist es. Das lenkt ab und man hat eine Aufgabe. Vielleicht besorge ich eine Kleinigkeit für das Grab meines Schatzes oder für die Gedenkecke.

Also halte ich an und gehe in das Geschäft. Es ist voll. Viele Menschen. Viele Menschen versetzen mich zur Zeit oft in Panik, vor allem wenn ich alleine unterwegs bin. Aber heute ist doch ein guter Tag. Also versuche ich es. Mal wieder.

So… Die Schiebetür öffnet sich, ich betrete den Laden. Das erste Geräusch mitten im Lärm ist ein Kinderlachen. Im nächsten Augenblick läuft ein etwa 2-jähriger Bub vor meine Füße, lacht mich an und läuft vor seiner größeren Schwester davon. Ich erstarre, bleibe stehen. Mir stockt der Atem. Doch ich bin stark. Ich versuche, daran zu denken, wie sehr ich Kinder liebe. Wie wichtig mir schon immer ihr Lachen war. Da ich mich momentan (noch) nicht wieder an so etwas erfreuen kann, versuche ich also ein Gefühl von Akzeptanz in mir hervorzurufen. Um nicht bereits jetzt meinen Mut zu verlieren. Ich hatte doch ein Ziel vor Augen. Also gehe ich weiter. Ich fühle mich wieder etwas gefestigt. Und doch ist ein kleines Stück Mut am Eingang verloren gegangen.

Ich gehe also in Gang 2. Wow, so wunderschöne Grabkerzen. Diese Art hatte ich noch nicht gesehen. Also schaue ich sie mir etwas genauer an, suche eine mit einem Engel und einem schönen Spruch raus. Nehme sie aus dem Regal, halte sie in den Händen. Ich „freue“ mich über diesen Fund. Und stelle sie mir bereits auf dem Erdenbettchen meines Schatzes vor. Wie sie die Grabstelle hell erleuchten lässt.In diesem Augenblick bittet eine Frau um Entschuldigung, weil sie vorbei möchte. Sie reißt mich aus meinen Tagträumen. Ich entschuldige mich ebenfalls, weil ich im Weg stand und drehe mich um…. Sie lächelt mich an und schiebt ihren Kinderwagen an mir vorbei.Kennt ihr das, wenn man etwas anschaut, in dieser Situation war es mein Blick in die Augen der Frau, und man den Blick nicht lösen möchte, weil man die Umrisse von etwas „Unfassbarem“ sieht und dies eigentlich nicht sehen möchte? Genau so ein Moment ist dies für mich. Ein großes Stück Mut fällt auf den Boden. Es ist weg. Und diese „mutige Mauer“ bröckelt immer mehr, reißt immer mehr ein. Diese freundliche, junge Frau ist außer Sichtweite. Sie hält mich bestimmt für irre, weil ich sie so anstarre und ewig stehen bleibe. Mir wird immer wärmer. Gedanken überfluten mich. Sie kauft nun bestimmt Windeln oder Babybrei für ihren Zwerg. Und ich halte diese Grabkerze in der Hand. Weil dies alles ist, was man tun, was man kaufen kann.

Ich gehe extra ein paar Umwege, um nicht an diversen Gängen mit Windeln und Co. vorbeizukommen. Noch eine derartige Begegnung und es bricht bestimmt aus. Die Trauer. Die vielen Tränen. Zu oft hatte ich bereits diese Zusammenbrüche in der Öffentlichkeit. Nicht heute! Heute möchte ich stark sein. Heute möchte ich einen Schritt weiter gehen in eine Zukunft, ohne die Welt nur in schwarz/weiß zu sehen. Also gehe ich lieber bei den Süßigkeiten vorbei Richtung Kasse. Denn ich will diese Kerze. Und es soll kein Weg daran vorbeiführen. Ich gehe also diesen Gang entlang und höre einen jungen Mann bereits schon von weitem zu seiner Freundin/Frau sagen: „Kauf doch nicht nur Süßes“. Ich muss schmunzeln. Schokolade ist doch etwas Feines… Ich gehe an dem Pärchen vorbei und die Frau dreht sich zu mir um. Sie sieht mich nicht und ich habe nicht mit diesem ausladenden Bauch gerechnet und streife diesen beim vorbeigehen leicht. Ein prall gefüllter Babybauch. Ernsthaft?? Was hat das Universum nur gegen mich?

Ohne nachdenken zu wollen gehe ich noch viel schneller an die Kasse. Oh nein. Diese Schlange… „Kasse 2 öffnet“… Meine Rettung, schnell hin. Ich war schnell und doch zu langsam. Da stehe ich nun. 3 Leute vor mir. Die Kassiererin hat eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, die Kasse anzumelden. Ich spüre dieses Gefühl in mir. Es kriecht immer weiter hoch. „Nicht weinen, jetzt nicht“, schießt mir durch den Kopf. Ich trippele aufgeregt auf der Stelle hin und her. Mir wird immer heißer, Schweiß läuft bereits an meinem Gesicht herunter. Meine Haarspitzen werden immer nasser. Ich wische mir mit einem Taschentuch den Schweiß ab, der junge Mann hinter mir starrt mich nur verständnislos an. Ich spüre, wie purpur mein Gesicht wird, weil mir immer heißer wird. Noch 2 Leute vor mir. „Geht das denn nicht schneller?“ Meine Hände werden immer feuchter. Ich spüre die Schnappatmung, die in diesen Momenten immer einsetzt. Sie kommt und hört nicht mehr auf. Mein Blick wird immer starrer. Noch 1 Kunde vor mir, welcher sich umdreht, mich argwöhnisch anschaut und fragt, ob es mir gut gehe. „NICHT DIESE FRAGE…“, schießt mir durch den Kopf. Diese Frage bringt mich immer zum Weinen. Warum auch immer… Ich nicke nur und sage „Danke“. Er dreht sich um und zahlt. Die Kassiererin blickt mir kaum in die Augen. Dieser Blick. Entsetzen? Mitleid? Mitgefühl? Verachtung? Schadenfreude? Ich kann ihn nicht deuten. Nur löst dieser Blick noch mehr negative Gefühle in mir aus.

Ich zahle, nehme die Kerze und gehe schnellen Schrittes raus aus diesem Laden. Ein Laden, der mir sonst gefiel. In dem ich gerne zwischendurch einkaufen gehe. Ich renne fast über den Parkplatz, ich habe Angst, dass ich gleich zusammensacke, denn die Knie sind so weich. Doch einfach Hauptsache weit weg. Die Leute schauen mich alle an, welche ich fast umrenne. Doch das ist mir egal.

Die Bank. Da ist sie. Auf einmal einfach da. Vor mir. Ich setze mich, genau im richtigen Moment. Denn die Kraft verlässt mich. Ich lege das Gesicht in meine Hände und die Tränen laufen ohne Stopp. Endlich kann ich tief Luft holen. Die Schnur um meinen Hals, um meine Brust lockert sich. Die „mutige Mauer“ ist gefallen. Der Sturm über mich eingebrochen. Die Panik hat mich wieder… Dieses Gedankenkarussel… Diese Scham, welche in mir aufkeimt, immer dann, wenn Menschen mich so ansehen. Wenn ich das Gefühl habe, dass sie mich verachten, weil sie nicht wissen, warum ich so bin.Bin ich verrückt? Bin ich krank? Ja. Sicherlich. Auf eine verdrehte Art und Weise. Auf eine besondere Art und Weise. Doch dass ich es versuche, immer wieder, und Hilfe annehme um daran zu arbeiten, sehen diese Menschen nicht. Und das „Warum“. Warum ich überhaupt so labil und zerbrechlich geworden bin.

Ich für meinen Teil sehe Menschen seit jeher mit anderen Augen. Ich überdenke Situationen, in denen ich vielleicht einen Menschen komisch oder erstaunt angeschaut habe. Denn jeder hat seine Geschichte, weshalb er sich in einem Augenblick so benimmt, wie er es eben tut. Verständnis keimt in mir auf. Aber eben auch diese Scham, mit tiefer Trauer vermischt. Diese Augenblicke, welche die kleine, mutige, schwer aufgebaute Welt zertrümmern. Sie sind da. Jeden Tag.

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