Emma-ein kleiner Stern

Ganz bewusst kam für mich zum ersten Mal richtig Angst auf, als ich auf der Liege in der OP-Schleuse saß und mich ausziehen sollte. Alle wuselten um mich herum, wirkten irgendwie hektisch auf mich und es hieß immer nur wieder, ich solle mich jetzt bitte umziehen.
Ich glaube auch, dass ich da weinte. Ich fühlte mich nicht mehr gut, eine Hand hatte ich immer auf dem Bauch. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich noch Wehen hatte. Mein Arzt kam herein und war sichtlich unzufrieden, dass ich noch da saß. Er fuhr die Leute an, dass er doch betont habe, dass es schnell gehen muss. Das verstärkte meine Unruhe und mein ungutes Gefühl. Es schnürte mir alles zu. Ab da weinte ich sicher. Mein Mann war da schon die ganze Zeit nicht mehr bei mir, meine Hebamme, glaube ich, auch nicht, ich weiß es nicht mehr genau. Ich fühlte mich allein, hilflos und verunsichert. Ich weinte nur noch und wurde in den OP-Saal geschoben. Die Arzthelferin versuchte mich zu beruhigen, dass ich jetzt einfach ein paar Mal tief einatmen soll, es wird schon alles gut…. Die Maske wurde zweimal nochmal weggetan, da ich so heftig weinte. Ich kam mir so ausgeliefert vor und allein.
Zu mir gekommen bin ich auf dem Weg zur Intensiv. Ich wurde geschoben, es rumpelte unter mir. Nur fremde Gesichter. Ohne Vorwarnung wurde mir eine Digitalkamera vors Gesicht gehalten.

Die Emma hat es nicht geschafft


Meine Hebamme tippte darauf herum mit den Worten:
„Hören Sie mich? Es tut mir so leid. Die Emma hat es nicht geschafft“. Ich kann mich an irgendeine dunkelgrüne Pampe auf dem Bild erinnern und dann noch an ein Bild von Emma. Es war anstrengend, meine Augen zu öffnen. Ich konnte nicht richtig sehen. Ich heulte hemmungslos los und drehte mich weg. Ich glaube, ich sagte „Warum?“ und „Nein!“ und die Augen fielen wieder zu.
Im Zimmer checkten dann noch 3-4 Personen irgendwelche Dinge. Für mich war alles noch zu wirr, mein Körper fühlte sich wie Blei an. Ich hatte kein Gefühl von der Brust abwärts. Ich weiß, dass ich mir alles angeschaut habe, genickt, reagiert habe. Mein Arzt drückte meine Hand und betonte, dass, auch wenn es jetzt schlimm ist, ich auf jeden Fall noch Kinder bekommen kann.
Endlich war mein Mann da. Fiel mehr oder weniger auf mich und weinte. Ich fragte ihn, ob das stimmt, was mir erzählt wurde. Er nickte nur und wir weinten gemeinsam. Ich hatte das Gefühl, kaum Luft zu bekommen. Es war einfach verkehrt. Das war nicht wirklich. Und immer wieder warum, warum, warum. Wir hatten am Abend vorher noch ein CTG gemacht, weil ich dachte, ich hätte ganz leichte Wehen. Aber da war dann nichts und in der Früh ging alles seinen Lauf, also warum? Ich spürte, dass meine Haare im Nacken immer noch feucht waren von der Badewanne, das war unangenehm, aber mir ging auch durch den Kopf, dass das doch noch gar nicht lange her war. Wie konnte sich das alles so schnell ändern? Gerade eben war ich doch noch schwanger. Gerade eben war Emma doch noch bei mir. Warum jetzt nicht mehr?! Was ist denn passiert? Warum war jetzt alles so schrecklich? Wie kann das so schnell gehen? Dieser Gedankenkreisel hat mich noch lange begleitet. Ich konnte nur flüstern und wusste nicht, warum (ich war intubiert). Dann kam meine Hebamme und fragte, ob ich Emma sehen will. Ich fühlte Panik. Ich wehrte mich innerlich.

Sie meinte, sie hätte Fotos, die hatte ich dann in der Hand und dann wollte ich sie unbedingt bei mir haben. Ich bekam sie komplett angezogen in den Sachen, die ich für sie dabei hatte. In ihre Kuscheldecke gewickelt und mit Mützchen. Sie war komplett und hätte nur ihre Augen aufmachen müssen. Sie war schwer und ich habe sie ganz fest an mich gedrückt. Ich habe so geweint. Vorsichtig hab ich ihr über die Wange gestrichen. Und so gehofft, dass das einfach nur ein Fehler ist. Sie wird schon gleich die Augen aufmachen… Sie bewegt sich bestimmt gleich. Mein Mann schaffte es nicht, sie zu halten. Ich wollte, dass sie einfach die Augen aufmacht.

Wann man Emma wieder weggebracht hat, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ich es gewollt habe oder ob ich nochmal eingeschlafen bin. Von dem Abend weiß ich nicht mehr viel. Ich konnte mich kaum bewegen, fühlte mich wie einbetoniert, mein Mann lag neben mir und ich weinte die ganze Nacht immer und immer wieder. Und ständig kam der Gedanke, was ich auch laut gesagt habe, „Ich habe sie dir weggenommen“ – auch wenn das keinen Sinn ergab. Für mich schon. Ich hatte sie in meinem Bauch, durfte sie spüren und alles. Und er hatte nichts. Am Samstag fingen wir an, den uns am nächsten stehenden Personen zu schreiben was passiert ist. Relativ kurz angebunden – niemand konnte es fassen. Ich fühlte mich körperlich so schrecklich. Alles tat weh. Jede Bewegung. Ich konnte nur auf dem Rücken liegen. Das erste Mal aufstehen war eine Qual, ich musste mich auch gleich wieder setzen. Irgendwann am Sonntag habe ich es ins Bad geschafft und sah mich im Spiegel.

Überall noch die Farbe vom Desinfektionsmittel, Augenringe, der schlaffe große Bauch. Es war schrecklich für mich. Die Unbeweglichkeit machte mir echt zu schaffen. Aufstehen, Hinsetzen, zu lange sitzen… Alles war immer mit Schmerzen verbunden. Meine Hebamme kam und redete mit mir darüber, dass ich Emma nochmal halten könnte. Ich konnte noch nicht gut laufen und wurde mit dem Rollstuhl in den Keller gefahren, von irgendeiner Frau vom Hospiz. Das war kein schönes Gefühl.

Ich hatte das Gefühl, zum „Müll“ gefahren zu werden.

Alles war da unten ablehnend und kalt, ich kam mir so blöd in diesem Rollstuhl vor. Erst der Raum an sich war wieder ok. In warmen Tönen gehalten und nicht grell beleuchtet. Nebenan war direkt der Kühlraum.
Ich bekam Emma wie am Freitag, in einem kleinen Wägelchen und in ihre Decke gewickelt. Sie wirkte noch schwerer auf mich, sie fühlte sich aber so gut an. Ihre Hand und ihre Wange waren immer noch weich. Ihr Gesicht so rosig, auch wenn der Mund natürlich zu dunkel war. Meine größte Angst war, dass es ihr weh getan hat, dass sie Schmerzen hatte, als sie starb und dafür entschuldigte ich mich in Gedanken bei ihr. Dass ich nichts gemerkt habe und sie vielleicht gekämpft hat.


Ich wurde so oft gefragt, ob ich nicht irgendwas bemerkt hätte, dass sie sich nicht mehr bewegt hätte oder irgendwas seltsam war. Zu wissen, dass sie jetzt dann wieder in den Kühlraum gebracht wird, war ein furchtbares Gefühl. Auch wenn mir klar war, dass das so ist. Die Frau vom Hospiz stand einfach nur da. Ich weiß noch, dass ich gerne alleine mit Emma gewesen wäre. Es war gut, mich noch einmal in Ruhe zu verabschieden. Am Mittwoch wollte ich nach Hause. Einfach heim. Ich machte die Haustür auf und es fühlte sich unwirklich an. Als hätte ich irgendetwas erwarten müssen. Aber es war einfach nur unser Wohnzimmer. Es war beruhigend, nach Hause zu kommen, aber auch irgendwie so leer, so still. Die Zeit bis zur Beerdigung ging rasend schnell vorbei. Mir war unglaublich wichtig, den kompletten Ablauf zu wissen und die Bestatterin war endlos geduldig, das hat so gut getan. Ich wusste einfach, es wird gut, wenn sie das macht. Jede einzelne Nacht weinte ich, ich hatte immer noch Schmerzen, aber kam auch mit meinem leeren Bauch nicht klar. Ich hatte oft das Gefühl, ich habe „etwas vergessen“ (Emma vergessen mitzunehmen…). Zwischendurch auch wie in einer Blase „Ich war doch schwanger… Warum ist da jetzt kein Baby?!“ Ich glaube, im Nachhinein hatte das auch viel mit dem Notkaiserschnitt zu tun.

Ich habe die „Geburt“ nicht erlebt und somit hat es noch ein stärkeres Gefühl von „weggenommen“.

Am Freitag war dann Emmas Beerdigung. Wir saßen da und ich starrte eigentlich die ganze Zeit auf den Sarg. Er war weiß und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Emma da drin lag. Aber dann dachte ich daran, dass sie alles hatte. Ihre Spieluhr, ihre Decke, ihre Mütze, ihre Socken. Alle sollten für Emma Wünsche auf kleine Zettel schreiben, die in eine Box kamen, die dann mit ihr beerdigt wurde. Und ich hatte Leuchtsterne besorgt, um auf den Sarg zu kleben. Überall klebten Sterne, und zu wissen, dass sie all die lieben Worte begleiten würden, war ein Trost. Ich wünschte ihr, dass sie jetzt hoffentlich all das sehen kann, was sie hier unten nicht sehen durfte und dass ich mich darauf freue, sie irgendwann kennenzulernen. Ich erlebte das alles in einer angenehmen Ruhe. Wir legten die Blumen und eine kleine Laterne zu ihr und gingen relativ bald.
Zu dem Zeitpunkt war ich irgendwie weit weg. Ich wusste, ich würde am nächsten Tag wiederkommen. Meine Mutter meinte später zu mir „Ich hab dich gesehen, als ich zur Tür rein bin und war beruhigt, ich wusste du schaffst das (heute)“. Das tat gut. Und ich habe es geschafft.

Zwar hat sich viel verändert und einige Menschen sind nicht mehr dabei, aber Emma hat mir gezeigt, dass ich für mich einstehen muss.
Und dadurch ist sie immer da.

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