Mein Spiegelbild

Wut – Trauer – Erinnerung

Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich eine andere Frau.
Ich sehe nicht mehr die Frau, die ihrem Spiegelbild zulächelte, die sich schminkte und die Haare föhnte.

Ich sehe eine Frau mit grauen, müden Augen, mit Sorgenfalten, die Augen gefüllt von Traurigkeit.

Es war einmal anders. Vor ein paar Monaten war ich noch glücklich. Ich hatte mein Kind. Ich hatte Zeit mit meinem Kind. Sehr innige Momente, die nur ich spüren konnte. Ich trug mein Kind unter meinem Herzen, bis sein Herz nicht mehr schlug.

Ich fand einen Weg mit unserem Schicksal umzugehen. Ich lernte mit meiner Trauer umzugehen.
Ich lernte wieder zu lächeln.

Ich sah auf mein Handy, eine flüchtige Bekannte schrieb mir: „Es gibt ein Sternenkind mehr.“
Sechs Monate hatte sie Zeit mit ihrem Kind, drei Monate weniger als ich.
Ich sitze da und die Tränen laufen, ich kann nicht mehr aufhören.

Und ich merke, wie mein Körper innerlich schreit: „WARUM?“ Ich lernte doch gerade, dem grauen Gesicht im Spiegel wieder etwas Leben zu geben.

Ich weiß doch, wie sich der Schmerz anfühlt, und ich dachte, ich habe meine Trauer im Griff. Nun packt sie mich.

Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 80 Jahre, da erscheinen neun Monate kaum der Rede wert. Aber diese 9 Monate sind mein Spiegelbild. Das bin ich.

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